Kultur verstehen
Woher kommen unsere Tänze?
Von der Kettenform über osmanische Instrumente bis zum UNESCO-Kulturerbe.
Die Tänze, die wir aufführen, gehören fast alle zur Familie der Reigentänze. Getanzt wird in einer offenen oder geschlossenen Kette, die Tanzenden fassen sich an den Händen, am Gürtel oder an den Schultern. Auf Bosnisch heißt diese Form kolo, wörtlich „Rad" oder „Kreis"; in Makedonien und Albanien spricht man von oro. Es gibt keine Paare und keine Solisten — die Gruppe bewegt sich als ein Körper. Wer das erste Mal zusieht, bemerkt es meist zuerst an den Blicken: Die Tanzenden schauen nicht ins Publikum, sondern aufeinander.
Mehrere Schichten
Historisch stehen diese Tänze auf mehreren Schichten. Die Kettenform selbst ist auf dem Balkan sehr alt und lässt sich weit vor das Osmanische Reich zurückverfolgen. Die fünf Jahrhunderte osmanischer Herrschaft haben dann die Instrumente, die Melodik und einen Teil der Rhythmik geprägt: Zurla und Tapan, Saz und Šargija, Def und später die Harmonika sind das klangliche Fundament. Auf diesem gemeinsamen Untergrund haben sich regionale Stile ausgebildet, die sich bis heute klar unterscheiden lassen.
Der ungerade Takt
Am deutlichsten hört man den Unterschied am Takt. Während die Tänze aus Bosnien und dem Sandžak überwiegend in geraden Takten stehen, arbeiten die makedonischen und albanischen Choreografien mit ungeraden, sogenannten aksak-Rhythmen — 7/8, 9/8 oder 11/8. Sie fühlen sich beim Zuhören hinkend an, weil die Zählzeiten unterschiedlich lang sind. Für Tänzerinnen und Tänzer, die damit aufwachsen, ist das völlig selbstverständlich; für Ungeübte ist es die größte Hürde überhaupt.
Das stumme Kolo
Eine Besonderheit ist das nijemo kolo, das stumme Kolo aus dem dinarischen Raum. Es kommt ohne Instrumente aus. Den Takt geben allein das Stampfen der Füße und das Klirren des Trachtenschmucks vor. Die UNESCO hat es 2017 in die Repräsentative Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit aufgenommen; im selben Jahr wurde auch das kolo als Tanzform in die Liste eingetragen. Beides zeigt: Was wir auf der Bühne zeigen, ist anerkanntes Kulturerbe.
Bei allem, was sich wissenschaftlich über Herkunft und Form sagen lässt — für uns ist der Tanz zuerst gelebte Tradition. Er wird nicht studiert, sondern weitergegeben, von den Älteren an die Jüngeren, Probe für Probe.